Der Anruf kommt meistens sechs Wochen nach dem Livegang. Die neue Website sieht gut aus, alle sind zufrieden — nur das Telefon klingelt seltener. Ein Blick in die Zahlen zeigt dann fast immer dasselbe: Der Betrieb stand vorher für ein Dutzend Suchbegriffe auf der ersten Seite. Jetzt nicht mehr.
Das ist kein Pech und kein Google-Update. Es ist die absehbare Folge davon, dass ein Relaunch als Designprojekt behandelt wurde und nicht als Umzug.
Denn genau das ist er. Ihre alte Website hat über Jahre etwas aufgebaut, das man nicht sieht: Google kennt Ihre Unterseiten, weiß, welche Seite zu welchem Thema gehört, und andere Websites verlinken darauf. Wenn beim Neubau die Adressen wechseln, Inhalte wegfallen und niemand Google sagt, was wohin gezogen ist, beginnt diese Arbeit wieder bei null.
Die gute Nachricht: Das ist vermeidbar. Es kostet ein paar Stunden Vorbereitung — deutlich weniger, als das Aufholen anschließend kostet.
Phase 1 · Bestand aufnehmen, bevor irgendetwas gebaut wird
Sie können nur retten, was Sie kennen. Deshalb steht am Anfang keine Designfrage, sondern eine Inventur der alten Seite.
- Alle bestehenden Adressen erfassen. Ein Crawler wie Screaming Frog (bis 500 Seiten kostenlos) zieht Ihnen die vollständige Liste. Das ist später die Grundlage für die Weiterleitungen.
- Search-Console-Daten exportieren. Welche Seiten bringen Besucher, für welche Suchbegriffe werden Sie gefunden, wie oft wird geklickt? Die letzten zwölf Monate reichen. Ohne diesen Export haben Sie nach dem Relaunch keinen Vergleichsmaßstab.
- Besucherzahlen festhalten. Sitzungen, Seitenaufrufe, Anfragen pro Monat. Notieren Sie sich einen normalen Durchschnittsmonat — nicht Dezember, nicht die Ferienzeit.
- Aktuelle Platzierungen dokumentieren. Für die zehn bis zwanzig Suchbegriffe, die Ihnen wirklich Kunden bringen. Ein Screenshot genügt, wenn Sie kein Tool haben.
- Verweise von anderen Websites prüfen. Innungsverzeichnisse, Lieferanten, die Lokalzeitung, ein alter Vereinsartikel. Zeigt jeder dieser Links noch auf eine Adresse, die es nach dem Relaunch gibt?
Praxishinweis: Machen Sie diese Inventur, bevor die alte Seite abgeschaltet wird. Danach ist sie deutlich mühsamer nachzuholen — und manches ist dann endgültig weg.
Phase 2 · Entscheiden, was mitkommt
Jetzt gehen Sie die Liste durch und treffen für jede Seite eine von vier Entscheidungen: übernehmen, überarbeiten, zusammenlegen oder streichen.
Der häufigste Fehler an dieser Stelle ist der Wunsch nach Aufgeräumtheit. Die alte Seite hatte dreißig Unterseiten, die neue soll schlank werden, also fliegen zwanzig raus. Verständlich — aber unter den zwanzig sind erfahrungsgemäß drei, die zusammen die Hälfte des Suchtraffics gebracht haben. Oft sind es unscheinbare Seiten: eine Leistungsbeschreibung von 2019, ein Beitrag mit einer Anleitung, eine Referenzseite.
Deshalb: Erst in die Daten aus Phase 1 schauen, dann streichen. Eine Seite, die monatlich Besucher bringt, wird überarbeitet und nicht gelöscht.
Wenn Inhalte wegfallen müssen, gilt: Der Inhalt zieht um, nicht in den Papierkorb. Drei dünne Leistungsseiten werden eine gute — und alle drei alten Adressen leiten auf die neue.
Phase 3 · Das Weiterleitungskonzept
Das ist der Kern. Wenn Sie von dieser Checkliste nur einen Punkt umsetzen, dann diesen.
Für jede alte Adresse braucht es eine dauerhafte Weiterleitung (301) auf die inhaltlich passende neue Seite. In einer Tabelle mit zwei Spalten: alt, neu. Diese Tabelle geht an die Person, die den Umzug technisch durchführt.
Dabei drei Regeln:
- Thematisch passend weiterleiten, nicht auf die Startseite. Wer bei Google nach „Fliesenleger Bad sanieren” sucht und auf einer Startseite landet, klickt zurück. Google wertet pauschale Startseiten-Weiterleitungen zudem faktisch wie eine Fehlerseite.
- Keine Ketten. Alt → Zwischenstation → Neu funktioniert, ist aber unnötig langsam und fehleranfällig. Immer direkt auf das endgültige Ziel.
- Weiterleitungen bleiben dauerhaft bestehen. Nicht nach drei Monaten aufräumen. Es gibt Links und Lesezeichen, die Jahre später noch anspringen.
Falls sich die URL-Struktur ohnehin nicht ändern muss: umso besser. Gleiche Adressen bedeuten kein Weiterleitungsrisiko. Ändern Sie Adressen nur, wenn es einen inhaltlichen Grund gibt.
Phase 4 · Inhalte und Technik vor dem Livegang
- Texte nicht zusammenstreichen. Neue Layouts verführen zu weniger Text. Wenn die alte Seite Ihre Leistung auf 600 Wörtern erklärt hat und die neue auf 150, verliert Google den halben Kontext. Kürzen Sie Floskeln, nicht Substanz.
- Seitentitel und Beschreibungen übernehmen. Die bestehenden Titles der gut laufenden Seiten haben sich bewährt. Übertragen Sie sie, statt sie neu zu erfinden.
- Überschriftenstruktur prüfen. Eine H1 pro Seite, darunter sinnvolle H2. Viele Baukasten- und Theme-Layouts vergeben H1 an Designelemente — das gehört korrigiert.
- Bilder mit Alternativtexten versehen und in einem modernen Format ausspielen. Gleichzeitig die Dateigrößen prüfen: Ladezeit ist ein Rankingfaktor und der häufigste Schwachpunkt nach einem Relaunch.
- Interne Verlinkung neu aufbauen. Verweise im Text von einer Seite zur anderen. Diese Links sagen Google, welche Ihrer Seiten wichtig sind.
- Strukturierte Daten mitnehmen. Firmendaten, Öffnungszeiten, FAQ-Auszeichnungen. Was ausgezeichnet war, sollte ausgezeichnet bleiben.
- Firmendaten prüfen. Name, Adresse, Telefonnummer müssen exakt so auf der Seite stehen wie im Google-Unternehmensprofil und in Verzeichnissen.
- Die Testumgebung auf
noindexstellen — und im Kalender vormerken, das beim Livegang wieder zu entfernen.
Phase 5 · Der Livegang
Ein Dienstagvormittag ist besser als ein Freitagnachmittag. Nicht wegen Google, sondern weil jemand erreichbar sein muss, wenn etwas klemmt.
noindexentfernt? Das ist der teuerste Einzelfehler beim Relaunch: Die Seite ist live, sieht perfekt aus — und sagt Google wochenlang, sie solle bitte nicht in den Suchergebnissen erscheinen. Prüfen Sie es zuerst.robots.txtprüfen. Keine pauschale Sperre aus der Entwicklungsphase.- Stichproben der Weiterleitungen testen. Zwanzig alte Adressen von Hand aufrufen, quer durch die Liste. Landen sie am richtigen Ort, ohne Umweg?
- Alle Varianten der Domain führen auf eine Version. Mit und ohne
www, mit und ohnehttps— alles endet bei derselben Adresse. - SSL-Zertifikat aktiv, keine Mischinhalte.
- Neue Sitemap erzeugen und in der Search Console einreichen. Danach die alte Sitemap dort entfernen.
- Formulare wirklich absenden. Einmal komplett, vom Handy aus. Kommt die Mail an? Landet sie im Spam? Ein perfekt platziertes Formular, das ins Leere schreibt, kostet mehr als jedes Ranking.
- Analytics und Tracking prüfen. Nach Relaunches fehlt der Code auffällig oft auf genau den Unterseiten, die interessant wären.
Phase 6 · Die ersten Wochen danach
Rechnen Sie mit Bewegung. Zwei bis sechs Wochen Schwankung sind nach einem sauberen Relaunch normal, weil Google die Seiten neu einordnet. Das ist kein Grund, hektisch Änderungen vorzunehmen — Sie machen sonst die Ursachensuche unmöglich.
Woche 1: Täglich in die Search Console schauen. Der Bericht zur Indexierung zeigt Fehler zuerst. Serverprotokolle oder ein 404-Bericht verraten, welche alten Adressen ohne Weiterleitung geblieben sind — jede davon nachtragen.
Woche 2 bis 4: Werden die neuen Seiten indexiert? Steigen die Impressionen wieder in Richtung Ausgangswert? Ladezeiten auf dem Handy prüfen, jetzt mit echten Nutzerdaten.
Monat 2 bis 3: Vergleich mit Ihren Zahlen aus Phase 1. Suchbegriffe, die dauerhaft schlechter laufen, gehören einzeln angesehen: Fehlt der Inhalt, der sie getragen hat? Wurde die Seite zusammengelegt und dabei verwässert?
Wenn nach drei Monaten der Ausgangswert nicht wieder erreicht ist, liegt es fast immer an einer der drei Ursachen: fehlende Weiterleitungen, gelöschte Inhalte, oder eine Seite, die technisch noch auf noindex steht.
Die fünf häufigsten Fehler in Kurzform
- Kein Weiterleitungskonzept — alle alten Adressen laufen ins Leere oder auf die Startseite.
noindexaus der Entwicklungsphase bleibt aktiv.- Inhalte wurden „aufgeräumt”, ohne zu prüfen, welche Besucher gebracht haben.
- Niemand hat vorher Zahlen gesichert, also weiß hinterher niemand, ob etwas verloren ging.
- Nach dem Livegang schaut drei Monate lang niemand mehr hin.
Kurz gesagt
Ein Relaunch ohne Rankingverlust ist keine Frage von Glück oder Budget, sondern von Reihenfolge: erst messen, dann entscheiden, was mitkommt, dann weiterleiten, dann bauen. Der Aufwand dafür liegt bei wenigen Stunden. Das Aufholen verlorener Platzierungen dauert Monate.
Sie planen einen Relaunch?
Wir schauen uns vorab an, was Ihre bestehende Seite an Substanz hat — welche Unterseiten Besucher bringen und für welche Suchbegriffe Sie gefunden werden — und übernehmen das, statt bei null anzufangen. Ein Erstgespräch dauert eine Stunde und kostet nichts.
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